Modellregionen und regionale Pilotprojekte

Energiepioniere – das autarke Dorf

IRENE-Projekt in Wilpoldsried/Allgäu
Unser Land geht neue Wege – als erste große Industrienation will Deutschland sein Energiesystem grundlegend umbauen: bis 2022 aus der Kernenergie aussteigen sowie bis 2050 vier Fünftel des Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen und die Emission von Treibhausgasen um 80 % reduzieren. Zugleich soll Energie natürlich bezahlbar bleiben und jederzeit in der gerade benötigten Menge verfügbar sein. Gelingt diese Revolution, so wird Deutschland das attraktivste Schaufenster der Welt für neue, umweltfreundliche Technologien und die hier entwickelten Lösungen haben die beste Chance, zum Exportschlager zu werden.

Manfred Reichart ist Landwirt. Sein Hof erzeugt allerdings weder Milch noch Getreide, sondern ein unsichtbares Gut, das künftig immer wertvoller wird: Strom. Von einem Gebäude hinter dem Wohnhaus führen Kabel über Masten zu einem kleinen Turm, in dem ein Transformator die elektrische Energie in die Leitungen der AllgäuNetz GmbH, einer Tochter der Allgäuer Überlandwerke, speist. Reichart ist Energiepionier, und er ist nicht der einzige: Viele der 2.500 Einwohner der Gemeinde Wildpoldsried sind „Prosumer“: Sie konsumieren nicht nur Strom, sie produzieren auch welchen. Fast jedes Gebäude hat eine Photovoltaikanlage auf dem Dach oder – wie der Bauernhof von Manfred Reichart – eine Biogasanlage. Die erzeugt aus Gras, Mais und Pflanzenresten mittels bakterieller Gärung Methan, das in zwei Gasmotoren zu Strom veredelt wird.

Wildpoldsried gilt als das Dorf der „Stromverrückten“, seit Bürgermeister Arno Zengerle 1996 die Energiewende ausrief – lange vor der aktuellen Bundesregierung. Seither helfen alle Bürger mit, das Dorf energieautark zu machen. Eine Dorfheizung wurde gebaut, ein kleines Fernwärmenetz, in das diverse Biogaskraftwerke ihre Abwärme speisen. Strom gibt es bereits im Überfluss – mehr als dreimal so viel, wie die Haushalte hier selbst verbrauchen.

Das sorgt für Überlast in den Leitungen der AllgäuNetz GmbH. Weil der regenerative Strom zum Wegwerfen zu wertvoll ist, der Bau neuer Leitungen aber zu teuer, hat sich das Kemptener Unternehmen auf ein ambitioniertes Projekt namens IRENE (Integration regenerativer Energien und Elektromobilität) eingelassen. Gemeinsam mit Siemens und der Hochschule Kempten hat man ein Smart Grid aufgebaut. Der Probebetrieb soll zeigen, wie intelligente Stromnetze in Deutschland künftig aussehen könnten.

Rund 200 Messgeräte an Solar-, Biogasanlagen und Transformatoren überwachen die Netzstabilität. Sie liefern über eine Mobilfunkverbindung laufend Daten – rund drei Gigabyte pro Tag – ins Kontrollzentrum der Allgäuer Überlandwerke. So wollen die Experten ein Gefühl bekommen, wo, wann und bei welchem Wetter die neuralgischen Stellen im Netz sind. Mit diesem Wissen werden dann Wechselrichter der Solaranlagen, Energiespeicher oder ein regelbarer Trafo gesteuert – ein Novum für Niederspannungsnetze.

Das „Gehirn“ des Smart Grid ist SOEASY von Siemens, ein selbstorganisierendes Energieautomatisierungssystem, das automatisch für reibungslosen Energiefluss sorgt. Es besteht aus autonomen Softwaremodulen – sogenannten Agenten –, die Strom handeln, die Spannungsqualität überwachen oder einen Betriebsplan auf Basis der Wettervorhersage erstellen.

Die Hauptaufgabe des Smart Grids ist der Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage. Künftig soll Manfred Reichart seine Anlage so steuern, dass sie viel Strom liefert, wenn der Bedarf hoch ist, etwa an dunklen Wintertagen. Ist der Bedarf gering, bläst das überschüssige Gärgas einen großen Plastiksack auf, der auf dem Dachboden über den Motoren liegt. Er dient als Energiespeicher und ist wesentlich effizienter, als wenn bereits erzeugter Strom etwa in Batterien gespeichert werden müsste.

Die Königsdisziplin im Smart Grid ist die Integration von Elektroautos. Wenn sie an der Ladestation sind, können sie mit ihren Batterien überschüssigen Strom aufnehmen und diesen wieder einspeisen, wenn Mangel herrscht. So weit geht das IRENE-Projekt aber noch nicht. Die 32 Elektroautos, die an interessierte Wildpoldsrieder Bürger ausgeliehen werden, dienen erst einmal zur Erfassung der Fahrgewohnheiten. Manfred Reichart, der auch einen der Elektroflitzer testen durfte, ist begeistert: „Wir überlegen, uns selbst irgendwann ein Elektroauto anzuschaffen und mit unserem eigenen Ökostrom zu laden.“

Kontaktdaten/Unternehmen:
Siemens AG
CC CM TW
Otto-Hahn-Ring 6
81739 München


Ansprechpartner:
Dr. Ulrich Eberl
ulrich.eberl@siemens.com


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